Assos: Neues aus der Forschung (2016)

Ausgrabungen in Assos / Türkei:

Sonntagsbraten für den Bischof?

 

Das RGZM führt auch in diesem Jahr das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Ausgrabungsprojekt „Entwicklung der Stadt Assos in spätantiker und byzantinischer Zeit“ in der antiken Stadt Assos (Türkei) fort. Durch die Einbettung in den Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident sind auch in diesem Jahr Studentinnen der Johannes Gutenberg-Universität, Mainz, zusammen mit Studierenden der Universitäten Çanakkale, Istanbul und Cottbus an den Ausgrabungen beteiligt.

Die Arbeiten am im letzten Jahr entdeckten „Xenodochium“ werden fortgesetzt und konnten durch die Entdeckung von mehreren weiteren angeschlossenen Räumen, darunter wahrscheinlich auch Schlafsäle, komplettiert werden. Zentral im offenbar ehemaligen Untergeschoss gelegen befinden sich zwei kleine Kammern, davon ein Treppenraum, über den das nicht mehr erhaltene Obergeschoss durch eine weitere Treppe betreten werden konnte. Die nördliche Kammer wurde dagegen als Werkstätte genutzt. Nach den Funden von Sattlernadeln, Punzen und kleinen Schabern zu urteilen wurden hier offensichtlich Ledergegenstände, die Sättel, Taschen u.a. der Gäste repariert. Ein größeres Zimmer im Norden wurde wahrscheinlich als weiterer Gast- oder Aufenthaltsraum genutzt. Die Wände des Raumes sind mit durchgehenden Steinbänken flankiert, im Zentrum stand ehemals ein kleiner Tisch. Erhellt wurde der Bereich durch große Glasfenster und an Ketten aufgehängte Glaslampen, deren zerbrochen an einer Stelle gehäuft gefunden wurden.

Zur Klärung der in den letzten beiden Jahren untersuchten Terrasse, die mit der Kirche, bischöflichen Audienzhalle und Grabkapelle das neue Zentrum der frühbyzantinischen Stadt bildete (Archäologischer Anzeiger 3, 2015, S. 61-66), wurde in diesem Jahr ein Gebäudekomplex am Nordrand des Areals ausgegraben. Dieser Komplex besteht aus mindestens fünf L-förmig aneinander gereihten Räumen. Der mittlere davon diente wahrscheinlich als Durchgang in die Terrasse. Den Eingang bildete ein massives Portal, dessen Türsturz mit einem Christogramm verziert war. An den Türraum waren mehrere Vorrats- und Lagerräume angeschlossen. In diesen standen ein Trog und große Vorratsgefäße noch an Ort und Stelle auf dem Fußboden (Abb.). Offensichtlich wurden die Räume als Depot genutzt, in denen man diverse Gegenstände aufbewahrte. In einem der Räume lehnten mehrere große Dachziegel und ein Wasserrohr aus Ton für eine weitere Verwendung an den Wänden. Hinter einem der Dachziegelstapel wurde eine Eisenhacke gefunden, die der Besitzer möglicherweise hier für die Reparatur des Daches niederlegte. In zwei großen, teilweise in den Fußboden eingetieften Pithoi wurde möglicherweise Getreide gelagert. In der Kammer wurden auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten verrichtet, worauf einige Messer, eine Getreidemühle und eine große marmorne Reibeschale hinweisen. Das hierzu benötigte Wasser wurde aus einem mehr als 4,5 m tiefen Brunnen gewonnen, der sich mitten im Raum befindet. Gut versteckt zwischen der rückwärtigen Zimmerwand und einem der Pithoi hat sich seinerzeit ein Ferkel schlafen gelegt, das offenbar seinem Halter entlaufen war. Möglicherweise wurde es aber auch in der Kammer angebunden und wartete hier auf die Schlachtung, bevor es dann plötzlich vom herabstürzenden Dach begraben wurde. Die an Ort und Stelle belassenen Objekte in diesem Gebäude weisen einmal mehr daraufhin, dass Assos von einer verheerenden Naturkatastrophe, wahrscheinlich einem Erdbeben, heimgesucht wurde, die das Ende der frühbyzantinischen Stadt einleitete.

Die in diesem Jahr erzielten Ergebnisse zeigen weitere Aspekte der Neugestaltung der frühbyzantinischen Stadt auf und runden damit das Bild der Transformation der antiken zur christlichen Stadt ab. Zusammen mit den Objekten des täglichen Lebens kann auf diese Weise das Alltagsleben einer Provinzstadt im 4. bis 7. Jahrhunderts n. Chr. rekonstruiert werden.

 

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Speicherräume des Terrassengebäudes in Assos (C/Foto: Ausgrabung Assos)

 

Link zum Projekt

 

Kontakt:

PD Dr. Beate Böhlendorf-Arslan
Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
Ernst Ludwig Platz 2
D-55116 Mainz
boehlendorf(at)rgzm.de

 

 

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