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XVIII. AGCA-Tagung

Bonn, 11.-13. Mai 2006

Resümees


Jörg Drauschke (Mainz)

Neue Forschungen zur Byzantinischen Archäologie am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz

Mit Beginn des Jahres 2006 erfolgte die Einrichtung der „Byzantinischen Archäologie Mainz“ als Kooperationsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz – vertreten durch die Lehrstühle für Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte, Byzantinistik und Provinzialrömische Archäologie – und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Die Initiatoren Prof. U. Peschlow, Prof. G. Prinzing und Prof. J. Oldenstein sowie Univ.-Doz. Dr. F. Daim repräsentieren von der Byzantinistik bis zur Frühgeschichtlichen Archäologie das Spektrum der an dieser Initiative beteiligten Fächer.

Das Hauptziel ist es, im Wege der institutionalisierten und interdisziplinären Zusammenarbeit die Integration der unterschiedlichen Fachrichtungen zu fördern und schließlich eine „Byzantinische Archäologie“ zu etablieren, deren Gegenstand die materielle Hinterlassenschaft der Spätantike im östlichen Mittelmeerraum und im Byzantinischen Reich bis zu seinem Ende im 15. Jahrhundert sowie ihre kulturellen Beziehungen ist.

Das erste gemeinsame Forschungsvorhaben widmet sich dem Thema „Handwerk, Werkstätten und Handel im Byzantinischen Reich“. Die „Byzantinische Archäologie Mainz“ versteht sich nicht zuletzt als Kommunikationsplattform für in diesem Bereich tätige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Zum wissenschaftlichen Austausch sollen in unregelmäßigen Abständen abgehaltene kleine Workshops und größere Tagungen beitragen.


Christoph Eger (Berlin)

Guarrazar. Zum Stand der Forschungen

Mit dem Namen Guarrazar verbindet sich der bedeutendste westgotenzeitliche Schatzfund der Iberischen Halbinsel. 1858 wurden hier von Bauern aus der Umgegend mehrere Weihekronen, Votivkreuze und weiterer Prätiosen gefunden, die auf zwei gemauerte Verstecke verteilt waren. Die kunst- und kulturgeschichtliche Bewertung des in seiner genauen Zusammensetzung nicht gesicherten Schatzfundes beschäftigt die Forschung bis heute. Die Prätiosen reflektieren im wesentlichen die Einflüsse der mediterranenen respektive byzantinischen Goldschmiedekunst des 6./7. Jh. Einzelne Stücke des Schatzfundes, wie das kleine, in die Reccesvinth-Krone eingehängte Kreuz, gelten darüber hinaus als byzantinische Originale.

In der Diskussion um den Schatzfund fand der Fundort selbst nur wenig Beachtung. Knapp ein dreiviertel Jahr nach Entdeckung des Schatzes, im April 1859, führte J. A. de los Ríos im Auftrag der Real Academia de Historia eine Untersuchung des Fundplatzes durch. Die wenige Tage dauernden Nachgrabungen erbrachten zwar Hinweise auf ein Gräberfeld, an dessen Rand offenbar die beiden Schatzverstecke lagen, und einen Sakral- oder Grabbau. Aber eine großflächige Freilegung war in der kurzen Zeit nicht möglich und blieb auch in der Folge aus. Zudem beschränkt sich die Vorlage der Grabung auf Auszüge des Grabungstagebuches und einen Plan des Gebäuderestes. Wichtige topographische Pläne, die seinerzeit angefertigt wurden und von denen in der Publikation von 1861 die Rede ist, müssen als verloren gelten. Die zu ihrer Zeit vorbildlichen Ausgrabungen vermögen so nur sehr begrenzt Auskunft auf die dringlichen Fragen zu geben.

Von 2002 bis 2005 führte das DAI Madrid geophysikalische Prospektionen, Oberflächensurveys und Sondagen durch, um die Fundplatztopographie zu erschließen und Anhaltspunkte für die Besiedlungsgeschichte und Funktion Guarrazars in westgotischer und nachwestgotischer Zeit zu gewinnen.

Die Surveys galten einer ersten Erkundung des Fundplatzes, dessen großflächige Ausdehnung über vier Geländeterrassen zahlreiche Oberflächenfunde von Dachziegeln, Keramik und Resten von Baugliedern widerspiegeln. Für Überraschung sorgte 2002 die geophysikalische Identifizierung von umfangreichen Gebäudestrukturen auf dem oberen Hang von Guarrazar. Größere Ausgrabungen waren wegen der Olivenbaumanpflanzungen und der Eigentumsverhältnisse ausgeschlossen. Eine Grabung im Jahr 2004 konnte einige Mauerzüge dokumentieren, deren jüngste Nutzung in islamische Zeit (10 bis 12. Jh.) fällt. Die Befunde in Schnitt 1 (Feuerstelle, Abfallhaufen mit Tierknochen und Gebrauchskeramik) weisen zu dieser Zeit auf eine ländliche Besiedlung. Erstaunlich ist der ganz geringe Anfall westgotenzeitlicher Keramik sowohl bei den Surveys als auch in den Grabungsschnitten. Fragmente westgotenzeitlicher Bauornamentik und zahllose Steinquader, wie sie für die spätwestgotenzeitliche Architektur typisch sind, lassen an der Besiedlung und Bedeutung Guarrazars im 7. Jh. aber keinen Zweifel.

Auf die eingangs gestellte Frage, ob es sich in Guarrazar um eine spätantike respektive westgotenzeitliche Villa, ein Kloster oder eine andere Siedlungsform handelte, ist derzeit jedoch keine Antwort möglich.


Michael Herdick (Mainz)

Byzanz am Rande. Das Bergland der Krim im Frühmittelalter

Die Geschichte der Krim ist durch ihre Anbindung an den mediterranen Kulturraum und ihre Rolle als Drehscheibe im Schiffsverkehr auf dem Schwarzen Meer maßgeblich beeinflußt. Als weiterer bestimmender Faktor erwies sich die Nähe zum südukrainischen Steppenraum, der den Norden der Krim mit einschloß. Hierhin gelangten immer wieder Teile der vielfach reiternomadisch geprägten Kulturen, die zwischen Ost und West migrierten. Das Aufeinandertreffen der mediterranen Stadtkulturen mit den sogenannten Barbarenvölkern führte auf beiden Seiten zur Anwendung unterschiedlichster Akkulturationsstrategien.

Von Kaiser Justinian I. und seinen Nachfolgern berichten die Schriftquellen über ein verstärktes Engagement zur Sicherung des strategisch wichtigen Südwestens der Krim. Dazu gehörte die Förderung der Neuanlage und des Ausbaus von Befestigungen, zu denen auch der Mangup und der Eski Kermen zählen. Sie dienten u.a. der Vorfeldsicherung von Chersones. Die beiden Plätze stehen im Mittelpunkt des Krimprojektes des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Simferopol.

Eine besondere Form der Umweltanpassung stellen die rund 400 Raumkomplexe dar, die man auf dem Eski Kermen im weichen Gestein anlegte und deren Erfassung ein zentraler Aspekt der Feldkampagnen ist. Das Funktionsspektrum reicht vom Viehstall bis zur Kirche. Der 3D-Laserscan einer dieser Kirchen ist dieses Jahr abgeschlossen worden. Außerdem gilt der Umweltarchäologie am Eski Kermen und Mangup in den nächsten Jahren die besondere Aufmerksamkeit der Mainzer Forscher.

Gräberfelder zu beiden Siedlungen sind bekannt. Wissenschaftler des Anthropologischen Instituts der Universität Mainz untersuchen z.Zt. die Möglichkeiten für DNA-Analysen an den Skeletten der Bestatteten. Solche Forschungen wären eine wichtige Ergänzung zur Auswertung der Grabbeigaben, die an diesen Bestattungsplätzen die Anwesenheit unterschiedlicher, meist ostgotischer und alanischer Kulturgruppen belegen, die unter christlich-byzantinischem Einfluss standen. Prokop sah die Bewohner der Bergkrim, die er als Goten bezeichnete, als zuverlässige militärische Verbündete der Byzantiner an. Trotz des unverkennbaren strategischen Interesses der oströmischen Kaiser an der Krim ist der vorwiegend defensive Charakter ihres Engagements unübersehbar. Die Sicherung der byzantinischen Präsenz basierte maßgeblich auf der Schaffung und dem Erhalt eines günstigen politischen und kulturellen Klimas an der Peripherie, während größere militärische Interventionen der schriftlichen Überlieferung zufolge die Ausnahme blieben.


Kirsten Krumeich (Tübingen)

Ein ägyptisches Nischengrabrelief in der Abegg-Stiftung, Riggisberg

Im Februar 1964 erwarb Werner Abegg aus dem Schweizer Kunsthandel ein ägyptisches Nischengrabrelief für die Sammlung seiner Stiftung in Riggisberg (Inv.-Nr. 12.31.64). Das kalksteinerne Relief zeigt in einer Nische mit gestelztem Stirnbogen einen Knaben, der frontal auf einem hohen Kissen kauert. Der Reliefgrund und die Figur waren bei Erwerb fast vollständig mit einer bemalten Stuckfassung überzogen, von der sich bis heute große Partien erhalten haben.

Das Grabrelief gehört zu einer Gruppe spätkaiserzeitlicher Kindernischen aus Oxyrhynchos in Mittelägypten. Eine Datierung in das 2. Viertel des 3. Jh. erlauben die wenigen erhaltenen Haarsträhnen auf der Kalotte, die ein apennaSchema erkennen lassen; auch der Typus der randlosen bulla an einem starren Halsreif gehört in diese Zeit.

Die Ikonographie ist von höchster Aussagekraft und bildet das griechisch-römische Umfeld des Knaben ab: Als Spieltier begleitet ihn ein kleiner Melitäerhund. Das Bildschema besitzt attische Wurzeln und kann über die hellenistische Grabskulptur Alexandreias bis zur klassischen griechischen Kunst zurückverfolgt werden. Das kurze Haar des Kindes ist auf der Kalotte zweifach abgebunden, zu je einem breiten, flammenden Haarbüschel in der Mitte und auf der rechten Seite des Hinterkopfes. Die Verdoppelung der sog. Jugendlocke ist nicht das Kennzeichen eines ‚Isis-Mysten’, sondern weist den Jungen als Angehörigen der griechischen Elite im Oxyrhynchites aus. Vermutlich handelt es sich um zwei µa???? (Haarlocken), die laut Papyri des 1.–3. Jh. beim Eintritt ins Erwachsenenalter feierlich geopfert wurden. Gemäß römischer Tradition trägt der Junge eine bulla um den Hals, das Zeichen seiner freien Geburt im Römischen Reich. Die seltene Überlieferung vergleichbarer Darstellungen aus Ägypten streicht die Besonderheit der Ikonographie heraus. In ihr spiegelt sich ein neues Selbstbewußtsein der oxyrhynchitischen Oberschicht nach Erlaß der constitutio Antoniniana ca. 212 n.Chr., die allen freigeborenen Einwohnern des Römischen Reiches das Bürgerrecht gewährte.

Die Untersuchung des Grabreliefs wird im JbAC 48/49, 2005/06, publiziert.


Petra Linscheid (Kusadasi-Yeniköy)

Mittelbyzantinische Textilfunde aus Amorium, Türkei

Amorium liegt in Zentralanatolien, im östlichen Phrygien, zweihundert Kilometer südwestlich von Ankara. Die Ausgrabungen unter der Leitung von Dr. Chris Lightfoot, Metropolitan Museum of Art, New York, konzentrieren sich auf das Leben einer byzantinischen Stadt im Zeitalter der arabischen Invasionen in Kleinasien.

Im Jahre 1993 fand man kleinere Textilfragmente in einer Brandschicht aus der Zeit der arabischen Belagerung und Plünderung Amoriums 838 n.Chr. Insgesamt 12 verschiedene Gewebe konnten identifiziert werden, darunter ein Gewebe in Würfelbindung, ein schmales Band in Köperbindung, sieben verschiedene Leinwandgewebe und vier Kordeln.

Im Jahre 2002 wurden im Narthex der Basilika Gräber des 10./11. Jh. n.Chr. gefunden. Die Verstorbenen gehörten wahrscheinlich zur örtlichen Aristokratie. In mehreren Gräbern hatten sich Textilreste erhalten, die jedoch stark fragmentiert, brüchig und verfärbt sind.

Die umfangreichsten Funde konnten aus Grab Nr. 6 geborgen werden. Die Bestattung Nr. 1 dieses Grabes, ein Mann mittleren Alters, war von Kopf bis Fuß mit einem Seidentuch in Leinwandbindung bedeckt und er war von einer geflochtenen Schnur umwickelt. Das Tuch war verziert mit einem Streumuster aus gestickten Rosetten und aus Rauten, die durch Fadenflottierungen erzeugt wurden. Zudem waren verschiedene gestickte Medaillons auf das Tuch aufgenäht. Unter diesem seidenen Leichentuch trug der Verstorbene einen Mantel oder ein Obergewand aus einem gemusterten Seidengewebe in Kompositbindung. Der Halsausschnitt war mit einer Borte besetzt. Aus Grab Nr. 4 haben sich Reste eines Kleidungsstückes erhalten, dessen Revers oder Kragen mit Goldfadenapplikation verziert war, welche unter anderem ein Rankenmuster zeigt.

Mittelbyzantinische Textilien im Fundkontext ihrer Erstverwendung und mit einer genauen Datierung sind äußerst selten. Hierin liegt die besondere Bedeutung der Funde aus Amorium für die Byzantinische Archäologie und die Textilwissenschaft.

Die Funde werden von der Autorin im Rahmen der Amorium Monograph Series im Band von Eric Ivison über die Basilika von Amorium publiziert.


Jacek Maj (Heidelberg)

Byzantinische Kunst in Polen. Eine Forschungsbilanz

Poland received Christianity in 966 from Rome, while neighbouring Rus – in 988 from Constantinople. Thus the Polish-Russian border became a border between the Eastern (Byzantine) and the Western (Latin) civilization. Byzantine art spread in Poland through imports and as a result of influence of Orthodox culture. An interesting example of artistic import, providing evidence for cultural and religious diversity of the Kingdom of Poland in 14th and 15th centuries, are Byzantine frescoes in the cathedral in Gniezno, churches in Lysa Gora, Wislica and Sandomierz, chapel in Lublin, chapels of Virgin Mary, Holy Trinity and the Holy Cross at the cathedral in Krakow, and in King's bedchamber at the Wawel Castle. These frescoes, funded by Jagiellonian Kings and painted in Paleologian style by artists from Halich-Volhynia, Russia and Balkans, provide a striking example of adaptation of a Byzantine iconographical programme to a Gothic interior. Thus, a heavenly theme is represented in vaults, figures of prophets and saints are depicted in lunettes and upper parts of the walls, while in the lower parts of the walls a Gospel cycle appears. These frescoes had a little impact on the local Western art to which Byzantine style and iconography remained foreign.

A special place among the objects of Byzantine origin, should be given to an icon of Our Lady of Czestochowa, dating to 14th century. It depicts Mother of God in a Byzantine type of Hodegetria, and despite all foreignness in style and iconography became an object of a particular worship.


Gabriele Mietke (Berlin)

Frühbyzantinische Kapitelle in Kilikien

Einige bisher unveröffentlichte oder in anderem Zusammenhang behandelte frühbyzantinische Kapitelle aus der Umgebung von Korykos und Elaioussa Sebaste im Rauhen Kilikien setzen Kapitelltypen der Konstantinopler Werkstätten voraus. Allerdings veränderten und kombinierten regionale Werkstätten die Vorbilder zu neuen Typvarianten, und lokale Werkstatttraditionen wurden weitergeführt. Neben Bezügen zur Hauptstadt deutet sich ein Austausch vor allem mit der benachbarten Region Lykien an.

Zwei heute verlorene Kapitelle aus Akkale sind mit höchster Wahrscheinlichkeit zwischen 477 und 484 entstanden. Für Kapitelle in Çatiören, Kabacam und Korykos wird eine Datierung in das 2. und 3. Viertel des 6. Jh. vorgeschlagen. Dadurch ergeben sich neue Fixpunkte für die Chronologie der an Anhaltspunkten für Datierungen armen frühbyzantinischen Bauornamentik und damit auch Architektur im Rauhen Kilikien.

G. Mietke, Istanbuler Mitteilungen 56, 2006 (im Druck).


Georg-D. Schaaf (Bonn / Tübingen)

Gliederung und Dekoration von Außenwänden in der spätantiken Architektur. Entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen und Bedeutungsfragen

Untersuchungen zum Außenaspekt spätantiker Bauten haben bis in die jüngere Zeit hinein ihre Argumentation vornehmlich auf einer Gegenüberstellung von Haustein- und Ziegelarchitektur errichtet. Den Quaderbauten wird dabei nahezu exklusiv eine Präferenz für Außendekor zugeschrieben. Die archäologischen Zeugnisse stellen jedoch eine solche Unterscheidung in Frage. Auch Äußerungen spätantiker Autoren griechischer wie lateinischer Sprache zu Fragen der Architektur lassen keine grundsätzlich differierenden Ansichten über das Verhältnis von Innen- und Außenbau erkennen. Zu hinterfragen ist somit die Prämisse, daß verschiedenen Dekorformen – voll- und reliefplastischen auf der einen Seite sowie flächigen wie Inkrustation, Mosaik und Malerei auf der anderen Seite – in ihrer Funktion als Bedeutungsträger nicht das gleiche Gewicht zukomme. Den Befund kennzeichnet hier wie dort ein identischer Umgang mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln: die Unterscheidung mehrerer Ansichtsseiten eines Gebäudes und die äußere Hervorhebung wichtiger Bereiche des Inneren. Als Motivation ist im imperialen, im öffentlich-urbanen, im kirchlichen und im privaten Kontext der Wille zur Repräsentation namhaft zu machen. Funktionale Aspekte treten ergänzend hinzu.

Das Thema wird als Promotionsvorhaben am Christlich-archäologischen Seminar der Universität Bonn bearbeitet. Die Untersuchung steht kurz vor dem Abschluß.


Sabine Schrenk (Köln)

Antakya – Zur Neuaufnahme des „Megalopsychia-Mosaiks“ aus Yakto im Hatay Museum in Antakya

In eine neue Untersuchung des antiken Antiochia und seiner Monumente sind auch die Mosaiken mit einzubeziehen. Vorrang hat hier das sog. Megalopsychia-Mosaik aus Yakto, denn bei seinem „topographischen Fries“ steht zur Diskussion, ob er einst real existierende Bauten von Antiochia und seiner Umgebung zeigte. Darüber hinaus gilt das Mosaik in der Forschung z.T. als fest datiert in die Jahre 450/60 n.Chr. Beide Annahmen sind zu überprüfen.

Zur Bestandsbestimmung und als Grundlage für die ikonographische Analyse wurde im Sommer 2005 (s. Beitrag G. Brands) das gesamte Mosaik photogrammetrisch aufgenommen und eine erste Oberflächenanalyse vorgenommen. Auch wenn die Auswertung erst am Anfang steht, stellt sich doch bereits jetzt heraus, daß der „topographische Fries“ Informationen über das spätantike Antiochia enthält – auswertbar zumindest dort, wo die Beischriften noch erhalten sind.

Die Annahme, der Fries liefere auch Hinweise auf eine genaue Datierung, kann jedoch nicht aufrechterhalten werden. Zwar ist es wahrscheinlich, daß der Besitzer eines „Privatbades“ namens Ardaburius, der in der Borte genannt wird, der Sohn des Ardaburius Asper war und zwischen 453 und 471 n.Chr. in Antiochia lebte. Doch steht damit noch nicht fest, wann die Mosaizisten dieses Gebäude im Mosaikfries „zitierten“. Es ist außerdem zu bedenken, daß bereits der Großvater des o.g. Ardaburius (mit gleichem Namen) aufgrund seiner militärischen Aktivitäten im Osten Beziehung zu Antiochia gehabt haben kann.

Das Jahr 453 ist also kein sicherer terminus post quem für die Legung des Mosaikes. Auch ist noch nicht genau bestimmt, in welchen Ausmaß das Katastrophenjahr 526, mit seinen großen Schäden in Antiochia durch Feuer und Erdbeben, als terminus ante quem für die Villa in Yacto anzusehen ist. Eine Datierung des Megalopsychia-Mosaikes kann deshalb bis jetzt nur auf stilistischer Grundlage erfolgen, etwa in die zweite Hälfte des 5. bis erste Hälfte des 6. Jh.


Alexandra Stefanidou (Rhodos)

Karpathos in frühchristlicher und byzantinischer Zeit

Die vorliegende Arbeit versucht, einen Einblick in die Geschichte der Insel Karpathos zu geben, wie sie sich anhand der historischen Überlieferung und der materiellen Hinterlassenschaften aus frühchristlicher und byzantinischer Zeit darstellt. Was die frühchristlichen Überreste betrifft, so ist zuerst eine dreischiffige Basilika zu nennen, die in der 1,5 km nördlich von Pigadia gelegenen Flur Aphote ausgegraben wurde. Als zeitlicher Rahmen ergibt sich somit für die Basilika von Aphote das 4. – 7. Jh. Im Bereich der antiken Stadt Arkasia oder Arkesine, dem heutigen Arkasa wurden im Jahr 1923 Ausgrabungen von der Italienischen Archäologischen Schule zu Athen geführt. Dabei kamen die Reste der großen frühchristlichen Basilika der heiligen Anastasia, die vollständig mit Mosaikböden ausgestattet war und deren östlicher Teil in die kleine Kirche der heiligen Sophia einbezogen ist. Die Basilika der heiligen Anastasia wird Ende 5. / Anfang 6. Jh. datiert. Im Bereich der antiken Stadt Nisyros, deren Ruinen auf der an der Nordspitze von Karpathos gelegenen kleinen Insel Saria, an der Stelle Palatia lokalisiert wurden, sind Überreste einer bedeutenden frühchristlichen Basilika erhalten, die der heiligen Sophia geweiht war. Auch sind im Nordteil der Insel in Tristomo und im Bereich der antiken Stadt Brykus, sowie im Westen in Leukos frühchristliche Reste erkennbar.

Die antiken Küstenstädte, die noch zu frühchristlicher Zeit in Blüte standen, wurden zerstört und neue Siedlungen im Binnenland der Insel gegründet – ein einschneidender Wechsel, der in der Geschichte von Karpathos den Übergang zur byzantinischen Zeit markiert. Als im Binnenland liegende Siedlungen nennt erster Buondelmonti im 15. Jh. Olympos im Norden der Insel und im Süden Menetes und Koraki, das heutige Aperi. In der Nähe der mittelalterlichen Siedlung Olympos stehen drei kleine, einschiffige Kirchen, die heilige Saranta, die heilige Anna die Katholische, und der Heilige Onouphrios. Die zwei letzten sind mit anikonischer Malerei geschmückt.

Was die aus byzantinischer Zeit erhaltenen Denkmäler im südlichen Karpathos betrifft, so wäre die auf dem Weg nach Menetes in der Flur Exeles gelegene Kapelle des heiligen Mamas zu nennen: ein einräumiger Bau von gedrungen rechteckigem Grundriß aus dem 11. Jh., der ursprünglich landwirtschaftlichen Zwecken gedient haben könnte und der im 12. oder 13. Jh. zu einer Kirche umgestaltet und mit Wandmalereien ausgestattet wurde. Zum Schluß ist die Höhlenkirche des heiligen Lukas zu nennen. Sie liegt in Apella an der Ostküste von Karpathos. In dieser Kirche sind zwei Schichten von Wandmalereien erhalten, die in die zweite Hälfte des 13. Jh. datierbar sind.


Vasiliki Tsamakda (Wien)

Kulturtransfer oder Kulturkampf? Zur Rezeption westlicher Kultur auf Kreta in der Zeit der venezianischen Herrschaft (1211-1669)

Die fast 1000 ausgemalten Kirchen Kretas bieten die Möglichkeit, die Rezeption der westlichen Kultur in der Zeit der venezianischen Herrschaft zu untersuchen. Die Erkenntnisse betreffen nicht nur die formalen Merkmale der Kunst, sondern auch das Verhältnis von Lateinern und Griechen in historisch-gesellschaftlicher Hinsicht. Die Bedeutung der Fresken in dieser Hinsicht wurde in der Literatur bislang nur gestreift. Zuletzt wurde die Kunst Kretas als ein weiteres Argument dafür benutzt, die These einer hybriden Kultur zu stützen, dies ist jedoch in vieler Hinsicht zu korrigieren. In formaler Hinsicht läßt sich ein westlicher Einfluß auf die Ikonographie der kretischen Wandmalereien in mehreren Kirchen feststellen. Dieser Einfluß betrifft v.a. sekundäre Bildelemente, während westliche Kompositionen statistisch gesehen selten übernommen werden. Das sporadische Auftreten von westlichen Elementen in der Ikonographie der Fresken Kretas zeigt, daß die von außen kommenden künstlerischen Anstöße von den einheimischen Malern bis zu einem gewissen Grad aufgenommen und in einer Form verarbeitet wurden, die im Grunde den byzantinischen Charakter der Malereien nicht veränderte. So läßt sich keine wirkliche Rezeption des Fremden fassen, keine echte Aneignung, sondern eine Aufnahme vereinzelter Elemente, die in die vielfältige inseleigene Tradition integriert wurden. Stilistisch gesehen bleibt der Charakter der großen Mehrheit der Fresken für die ganze Dauer der venezianischen Herrschaft byzantinisch. Die Untersuchung der Wandmalerei Kretas rechtfertigt also nicht die Annahme einer hybriden Kunst, zumindest für die ersten drei Jahrhunderte und im größten Teil Kretas.

Hinsichtlich ihres Wertes als historisch-politische Quellen bleibt als einzige positive Einschätzung der Venezianer die venetophile Inschrift der Erzengelkirche in Kavalariana (1327/8). Ansonsten gibt es mehrere direkte und indirekte Hinweise für eine Ablehnung der Venezianer. Die Wandmalerei von Hunderten orthodoxen Kirchen Kretas dient an sich der Stiftung und Beibehaltung orthodoxer Identität, und bisweilen kommt es durch gewisse Bilddetails und Inschriften zu einer Betonung der religiösen und politischen Abgrenzung von den Lateinern. Für eine abschließende Beurteilung der Kultur Kretas ist es jedoch noch zu früh. Eine solche kann nur gelingen, wenn alle materiellen und historischen Quellen differenziert und interdisziplinär erschlossen sind.


Ute Verstegen (Erlangen)

Das spätrömische Kastell Divitia (Köln-Deutz). Bautätigkeit der 22. Legion im Umfeld der Schlacht an der milvischen Brücke

Das spätantike Kastell Divitia (Köln-Deutz) auf dem östlichen Rheinufer gegenüber der Colonia Agrippina zählt am niedergermanischen Limes zu den am besten datierten Militärlagern dieser Zeit. Verschiedene Quellen wie eine Lobrede des Eumenius, eine heute verschollene Bauinschrift sowie Münzfunde belegen, daß diese Militäranlage auf Geheiß Constantins I. in den Jahren um 310/315 als Brückenkopf gegen die Franken errichtet wurde.

Grundlage des Vortrags ist die Untersuchung sämtlicher gestempelter Ziegel, die bis zum Jahr 2001 im Gebiet dieses spätrömischen Kastells gefunden wurden. Es handelt sich um 76 Exemplare, von denen heute noch 30 erhalten sind und 6 weitere aufgrund der überlieferten Dokumentation (Papierabklatsche, Skizzen) genauer beurteilt werden können. Sofern die Fundumstände der einzelnen Ziegel bekannt sind, waren sie ausschließlich in den Kurtinen und den Wehrtürmen des Militärlagers verbaut.

Die Analyse der Stempelformulare ergibt, daß die Deutzer Baukeramik aus unterschiedlichen Ziegeleibetrieben stammt: erstens aus militärischen figlinae und zweitens aus staatlichen Großbetrieben. Während die militärischen Ziegel ausschließlich von der in Mainz stationierten 22. Legion bereitgestellt wurden, lieferten mehrere Ziegeleien, die bei der Errichtung der Großbauten in der Kaiserresidenz Trier mitwirkten (Capio-, Adiutrix-Gruppen etc.) ebenfalls Material. Wichtig ist der Befund, daß kein Ziegelmaterial der Germania Secunda aus der Bauzeit des Deutzer Kastells verwendet wurde; dies weist auf Probleme bei der Ziegelversorgung größeren Umfangs in diesem Gebiet hin. Vielmehr mußte das Ziegelmaterial aus den beiden benachbarten Provinzen (Germania Prima, Belgica Secunda) nach Divitia transportiert werden. Neben der zeitgleich hergestellten Baukeramik wurde aber auch auf Altmaterial zurückgegriffen.

Was die Datierung anbelangt, können die gestempelten Ziegel der legio XXII ohne den bzw. mit dem Zusatz C V (wohl Constantiniana victrix) vermutlich vor bzw. nach der Schlacht an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 hergestellt worden sein, an der Truppenteile dieser Legion beteiligt gewesen sein dürften. Anhaltspunkte für spätere Umbauarbeiten mit jüngerem Ziegelmaterial liegen nicht vor. Insgesamt werfen die gestempelten Ziegel aus Divitia ein historisch wichtiges Schlaglicht auf die kaiserliche Bauorganisation und Baupolitik am Beginn der konstantinischen Epoche.


Stephan Westphalen (Göttingen)

Griechische Maler in der Dominikanerkirche der Genuesen von Pera (Arap Camii)

Pera, der im 13. und 14. Jh. von Genua dominierte Vorort Konstantinopels am Nordufer des Goldenen Horns, gehört mit dem Galataturm und den anschließenden Stadtmauern, mit dem Palazzo comunale und der als Dominikanerkirche gegründeten Arap Camii zu den bedeutendsten Niederlassungen einer italienischen Seerepublik, die sich trotz moderner Überbauung in der Levante erhalten hat.

Erst seit 1999, seit dem letzten schweren Erdbeben, wird der beachtliche Denkmälerbestand um Fragmente von Wandmalereien bereichert, die im Bereich des ehemaligen Hochchors in der Arap Camii zutage kamen. Zusammen mit der Architektur und den schon lange bekannten Grabtafeln werfen sie ein neues Licht auf das kulturelle Milieu der genuesischen Kolonie, das einerseits durch die Traditionen der Mutterstadt, andererseits durch die dominante Rolle Konstantinopels gekennzeichnet ist.

So sprechen ikonographische und stilistische Details für eine byzantinische Werkstatt, die aktuelle Tendenzen der palaiologischen Malerei in einer italienischen Bettelordenskirche umgesetzt hatte. Programmatisch ist die Ausmalung jedoch lateinischen Vorstellungen verpflichtet, die vor allem im Gewölbe mit den Propheten, Evangelisten und lateinischen Kirchenvätern zum Ausdruck kommen. Trotz großer Lücken ist die Ausmalung der Arap Camii ein weiteres und beachtliches Zeugnis einer ‚levantinischen Kunst’, die durch die Synthese unterschiedlicher Traditionen zu eigenwilligen Schöpfungen in der Lage war. Die Bedingungen sind mit der Kalenderhane Camii vergleichbar, in der rund siebzig Jahre früher in der Mitte des 13. Jh. während der lateinischen Okkupation Konstantinopels mit dem Franziskuszyklus ein entsprechend symbiotisches Werk entstand.


Norbert Zimmermann (Wien)

Domitilla – ein neues Projekt zur Dokumentation und Untersuchung einer Katakombe

Das Domitilla-Projekt ist ein vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur finanziertes, vom österreichischen Forschungsfonds FWF betreutes START-Projekt zur Dokumentation und Erforschung der Domitilla-Katakombe in Rom. Das Projekt ist in Wien beheimatet am Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW (Prof. Dr. F. Krinzinger, Arbeitsgruppe Christliche Archäologie, Prof. Dr. R. Pillinger). Es wird in nationaler Kooperation mit dem Fachgebiet Architekturgeschichte und Bauforschung der TU Wien (Prof. Dr. M. Döring-Williams) durchgeführt. Die internationalen Projektpartner sind die Pontificia Commissione di Archeologia Sacra in Rom (Prof. Dr. F. Bisconti) und das Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana (Prof. Dr. Ph. Pergola). Zudem leisten das Österreichische Historische Institut Rom und besonders das Deutsche Archäologische Institut Rom wichtige logistische Hilfe.

Die Grundlage der Projektarbeit bildet eine neue Dokumentation des Monumentes unter Einsatz eines 3D-Laserscanners, der die Erfassung der Katakombe als dreidimensionales Raummodell erlaubt. Diesem Modell können auch Photodaten aufgespielt werden, so daß die Abbildung etwa der Kammern und Gänge mit Malereien in photorealistischer Darstellung möglich ist. Das erste Ziel der Projektarbeit ist die Erstellung des lange überfälligen Repertoriums der Malereien der Domitilla-Katakombe. Das Repertorium wird noch in traditioneller Buchform erscheinen und soll, als einzige Veränderung gegenüber den bereits vorliegenden Repertorien, bei den Datierungshinweisen um einen kunsthistorischen Kommentar erweitert werden. Das dreidimensionale Gesamtmodell wird sodann aber auch für architektonisch-topographische und allgemein kulturhistorische Fragestellungen erschlossen, die zu einem großen Teil über die neuartige Dokumentation erst zugänglich sind. Auch eine Animation des Faktors Zeit im Raummodell für die Darstellung der Entwicklung der Katakombe ist geplant.

Die erfolgreiche Durchführung des Projektes sichert, neben der Mitarbeit der genannten römischen Kollegen, die interdisziplinäre Teamarbeit zwischen Archäologie und Bauforschung. Derzeit setzt sich das Team zusammen aus zwei Archäologen (Dr. N. Zimmermann, Dr. V. Tsamakda, ÖAW) und zwei Architekten (DI J. Kanngießer, I. Mayer, TU Wien, unter Betreuung von DI G. Eßer für den Gesamtplan und DI R. Kalasek für den Scan). Über Projektstruktur, Forschungsinhalt und Arbeitsfortschritt informiert auch die Projekt-Homepage.